Die Tinder-App: Wisch und weg ist das neue ex und hopp!

Ich sitze im Café… sinniere… und blicke ausnahmsweise einmal selber nicht auf mein Smartphone. Bei meinem Gegenüber sehe ich eine, nur Bruchteile von Sekunden andauernde, „Wisch-Bewegung“. Und noch eine, und noch eine… Es wird gewischt, mal nach rechts, mal nach links, mit dem einfachsten aller Dating-Portale: Tinder!

Auf Tinder präsentiert man sich und seine Schokoladenseite mit vier Fotos. Und zudem lediglich mit den gemeinsamen Facebook-Freunden. Das muss reichen. Ausführliche Profile scheinen überbewertet.

Die User können eine Umkreissuche aktivieren und sich dann Bilder potenzieller Partner anzeigen lassen, welche sich in der Nähe befinden. Wisch nach rechts: „Yay, Du gefällst mir!“. Wisch nach links: „Nope, Nächster“!
Gechattet werden kann nur, wenn es einen „Match“ gibt, sprich: wenn man sich gegenseitig geliked hat. So einfach geht das, in der Tinder-Welt. Und es funktioniert tatsächlich! Überall wird gewischt, geliked, gechattet. Der Suchtfaktor ist enorm!
Meiner Meinung nach ist  Tinder eine App, die unsere Generation wunderbar widerspiegelt: Denn Tinder zeigt uns, dass unsere Optionen scheinbar unbegrenzt sind. Einen „Wisch“ weit weg eben.

Tinder spiegelt unsere Multioptionsgesellschaft wunderbar wieder.

Wir messen seltenen Dingen, die wir nicht als selbstverständlich sehen, meist eine größere Wertigkeit zu. Und da wir aber scheinbar unendlich viele Tinder-Dates haben können – deutlich mehr als klassische Verabredungen – werden diese Tinder-Dates, denke ich, auch nicht so geschätzt.
Ist es nicht schade, dass somit die Anbahnungsphase – meist mit ein wenig Nervosität verbunden – entfällt?  Das Ansprechen, nach der Telefonnummer fragen, sich entdecken – all das entfällt.  Jeder weiß vom anderen, dass er oder sie auf Tinder aktiv ist. Es wird gemutmaßt, dass sicherlich davor und danach auch fröhlich weiter getindert wird. Ein bisschen wie am Fließband. Deshalb kann man Tinder-Dates auch konsumieren wie Fast Food.

Tinder liefert ständig neue Gesichter. Ein wenig wie am Fließband. Deshalb kann man Tinder-Dates auch konsumieren wie Fast Food.

Ich frage mich, ob dieses Phänomen bei der Partnersuche wirklich hilfreich ist. Ich habe das einige Male im Bekanntenkreis beobachtet. Bildhübsche Mädchen und attraktive Männer werden nicht geliked. Und lediglich, weil das T-Shirt die falsche Farbe hat, der Lippenstift zu grell und die Nase nicht perfekt ist. Die Pose zu intro- oder extrovertiert scheint und brünett sowieso nicht in Frage kommt.
Danke Tinder, dass du unsere Optionen exponentiell wachsen lässt! Wir werden überkritisch in einer Welt, die uns Wahlmöglichkeiten bietet, welche aber auch zu Orientierungslosigkeit führen. Auch wenn viele Tinder nur zum Spaß nutzen und gar nicht daran interessiert sind, jemanden tatsächlich zu treffen, so denke ich, dass unsere Anspruchshaltung an das andere Geschlecht auch im analogen Leben, durch Phänomene wie Tinder, noch höher wird.
Wenn die Anzahl der vorgestellten Profile ins Unendliche geht, warum sollen wir uns dann festlegen? Tinder suggeriert uns Grenzenlosigkeit in der Balz. Warum sollen wir uns auf eine zweite Verabredung mit demselben einlassen, wenn ein neues Date nur einen Wisch weit weg ist?
Das mag genau das richtige sein, wenn Mann / Frau auf der Suche nach schnellen Abenteuern ist, was auch völlig in Ordnung ist und sein darf. Ich möchte damit auch nicht sagen, dass wir uns immer die Zeit nehmen müssen, jemanden genauer kennenzulernen. Manchmal stimmt die Chemie einfach nicht. Wenn wir jedoch jemanden genauer kennenlernen möchten, sollten wir uns hierfür auch die Zeit nehmen und in zweite und dritte Dates investieren. Vielleicht auch über die Farbe des T-Shirts, den grellen Lippenstift und die nicht ansprechende Pose hinweg sehen.

Zugegeben: Es bereitet mir Bauchschmerzen, wenn ich beobachte, dass Apps wie Tinder uns Unverbindlichkeit und unendliche Wahlmöglichkeiten als besonders erstrebenswert verkaufen wollen.

Habt Mut zum „echten Kennenlernen“!

Ich möchte dazu einladen, wieder mehr Mut zum echten Kennenlernen zu kultivieren. Echten Kontakt, Nervosität, Unsicherheit, Schmetterlinge im Bauch, Adrenalin… Einen besonderen Moment zu spüren, überrascht zu werden und die Magie des Anfangs zu leben, weniger zu „wischen“ und die Liebe weniger der digitalen Welt zu überlassen. Oder in Hermann Hesses Worten: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“.

 

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