Darum hat es der Großstadtsingle so schwer. Eine provokative Annäherung.

Nie hatten wir so viele Optionen. Die heute 30 – 40 jährigen sind damit aufgewachsen, sich frei entfalten zu dürfen. Die Nachkriegszeit hat uns enorme Sicherheit verschafft: einen Rechts- und Sozialstaat, Demokratie, freie Medien, sozialen Frieden, die besten Voraussetzungen also, um uns angstfrei selbstverwirklichen zu können. Nie waren unsere Wahlmöglichkeiten größer. Schien früher unser Lebensweg noch in ein Korsett gequetscht zu sein – wir stiegen oft in die Fußstapfen unserer Eltern – so genießen wir heute das Gefühl, vogelfrei zu sein. Und das feiern wir auch! Vor allem der Großstadtsingle (der sich auch gerne in einer Pseudo-Beziehung versteckt). Insgeheim sehnt er sich natürlich nach Nähe, Geborgenheit und Zweisamkeit. Wie alle Menschen. Aber bitte nicht um den Preis der absoluten Freiheit, der grenzenlosen Flexibilität und der Unabhängigkeit. So pirscht sich der Großstadtsingle durchs Gefilde. Im Hinterkopf bleibt der Gedanke von höher, schneller und weiter. Vielleicht ist der Mann oder die Frau, die mir da im Café gegenübersitzt, einfach noch einen Tick klüger, hübscher, witziger oder liebeswürdiger als die Person, mit der der Großstadtsingle gerade eine Beziehung führt. Die übrigens dann am besten ist, wenn sie nicht definiert ist. Sich festzulegen ist ja nicht so chic. Der Großstadtsingle hält sich alles offen, ob es mit dem Partner klappt oder nicht, wird sich schon herausstellen. Ob zusammengezogen wird und ob Kinder gezeugt werden, wird sich schon ergeben. Nur leider gibt es einen Faktor, der gegen den Großstadtsingle spielt. Die Zeit. Wenn wir nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen, wird es das Leben sein, dass uns diese Entscheidungen abnimmt. Das war’s dann mit der Freiheit. Irgendwann gibt es keine Alternativen mehr zum aktuellen Job, irgendwann lohnt es sich nicht mehr, zusammen zu bauen, und irgendwann können keine Kinder mehr kommen. Wollen wir das? Ist nicht die eigentliche Freiheit, sich bewusst für oder gegen etwas zu entscheiden?

[pullquoteright]Freiheit bedeutet, bewusste Entscheidungen zu treffen.[/pullquoteright]

Entscheidungen scheinen uns zu begrenzen. Das tun sie in gewisser Weise auch. Gleichzeitig aber eröffnet sich mit einer Entscheidung auch eine Vielzahl von neuen Optionen, die wir nicht hätten, hätten wir keine Entscheidung getroffen. Die Optionen sind andere, aber nicht bessere und auch nicht schlechtere. Einfach nur andere. Wenn wir uns beispielsweise für Kinder entscheiden, müssen wir Abschied nehmen vom DINK-Lebensstil (Double Income No Kids). Wir können keine spontanen Wellness- oder Städtetrips am Wochenende mehr buchen. Wir können uns nicht mehr die Nächte in Kneipen um die Ohren schlagen. Als Eltern eröffnet sich aber ein ganz anders Spektrum an Entfaltungsmöglichkeiten. Wir erfahren beispielsweise das Gefühl von bedingungsloser Liebe unserem Nachwuchs gegenüber. Wir übernehmen wahrhaftige Verantwortung. Wir erfahren eine völlig neue Art der Sinngebung in unserem Leben. Mein Kollege Matthias Retzer hat es schön auf den Punkt gebracht: „Viele Optionen führen nicht automatisch zu guten Zielen! Und trotzdem versuchen wir, uns möglichst lange möglichst viele Optionen offen zu halten. Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Flexibilität – klingt das nicht nach erstrebenswerten Zielen? Nun, es sind keine! Eher Fragen als Antworten auf dem Weg, erstrebenswerte Ziele zu finden. Unabhängigkeit – um wovon unabhängig zu sein? Entscheidungsfreiheit – um sich wofür entscheiden zu können? Flexibilität – um welche Ziele zu erreichen?“ Ich möchte den Großstadtsingle dazu einladen, sich Gedanken darüber zu machen, was genau er oder sie in einer Partnerschaft sucht. Wenn das Ziel eine erfüllende Partnerschaft sein soll, so ist es unabdingbar, sich genaue Gedanken darüber zu machen, was die bessere Hälfte an Eigenschaften und Wesenszügen mitbringen soll. Ziele können nur dann erreicht werden, wenn Sie konkret sind. Sich zu wünschen, in sechs Monaten eine Partnerschaft zu haben, reicht leider nicht aus. Eine präzise Zielformulierung wäre: In sechs Monaten habe ich einen Partner, der liebenswürdig, großzügig, naturverbunden, humorvoll und spontan ist.

[pullquoteleft] Was konkret wünschen Sie sich von einer Parnterschaft?[/pullquoteleft]

Es ist hilfreich, eine Liste mit denjenigen Eigenschaften, die man im Partner sucht und die den eigenen Bedürfnissen besonders entsprechen, niederzuschreiben (auf diese Weise verankert es sich besser im Unterbewusstsein). Dabei sollen die gewünschten Eigenschaften möglichst positiv formuliert sein: Statt „Ich möchte keinen Stubenhocker als Partner“ wäre eine positive Formulierung: „Ich möchte einen Partner, der gern ins Grüne fährt und unternehmungslustig ist“. Eine Liste der Eigenschaften und Charakterzüge sollte aber nicht als starres Gerüst dienen, sondern nur als Anhaltspunkt für das was, erstrebens- und wünschenswert ist. Wenn Ihre Top 10 Wünsche an eine Partnerschaft beispielsweise folgende sind: humorvoll, tolerant, extrovertiert, intelligent, charmant, kulturinteressiert, tierlieb, attraktiv, sportlich und eine aufregende Sexualität. Überlegen Sie sich im gleichen Atemzug, auf welche Eigenschaften Sie verzichten können. Welche Wesenszüge sind Sie bereit aufzugeben? Wäre es in Ordnung, wenn Ihr Partner vielleicht nicht 100%ig Ihrem optischen Ideal entspricht, sie aber dafür umso mehr mit außergewöhnlichen Humor verwöhnt? Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihre Top 10 zu erstellen, überlegen Sie sich: Was haben Sie in vergangenen Partnerschaften geschätzt? Wie hat sich das angefühlt? Mit welchen Charakterzügen hatten Sie eher zu kämpfen? Was schätzen Sie an anderen Menschen besonders? In welchen zwischenmenschlichen Situationen fühlen Sie sich besonders wohl? Versuchen Sie mit allen Sinnen in die Situation einzutauchen. Denken Sie daran, dass Sie den richtigen Partner daran erkennen werden, wie Sie sich in seiner Gegenwart fühlen, die Liste soll Ihnen nur als Orientierung nützlich sein. Leider, oder auch Gott sei Dank, können wir uns den Traumpartner nicht backen. It´s a package deal! Seien Sie nicht überkritisch und lassen Sie sich auf potentielle Partner ein… Obwohl Sie Ihre Optionen mit genauen Vorstellungen eingeschränkt haben, bleiben Sie flexibel: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dieses schreckliche Chaotentum mit einer wunderbaren Spontanität kommt… Lassen Sie sich überraschen und vor allem: hören Sie auf Ihr Gefühl! [pollone id=“2″]

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Eine Idee zu “Darum hat es der Großstadtsingle so schwer. Eine provokative Annäherung.

  1. Bettina Tigges sagt:

    Liebe Juliette, ein toller Artikel! Kompliment, es steckt viel Lebensweisheit in ihm…….. Woher haben Sie diese mit Ihren gerade mal 32 Jahren?!?
    Eine kleine Rückmeldung zur äußeren Form: Die graue Schrift zwar sehr elegant, aber etwas mühsam zu lesen. Vielleicht in 2 Punkt größer, wenn dieses Hellgrau oder aber dunkler! Herzliche Grüße – Bettina!

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