Wieviel Sex ist normal? Und was können wir gegen sexuelle Unlust tun?

Gebe ich das Wort „Sex“ in die Google-Suchmaske ein, wird mir automatisch „Wie viel Sex ist normal?“ von Google angeboten. Das gibt durchaus Grund zur Annahme, dass die Deutschen einerseits sehr am Thema interessiert sind, gleichzeitig scheint die Frage mit immensen Unsicherheiten verbunden zu sein.

Beim Sex ist erlaubt, was gefällt. Qualitativ und Quantitativ.

Um den Druck vorweg schon einmal rauszunehmen: Beim Sex gelten nur die Spielregeln der Beteiligten. Erlaubt und gut ist alles, was beiden Partnern Spaß macht. So oft sie wollen. Oder so wenig sie wollen. Sexuelle Lust ist so individuell wie jeder Mensch einzigartig ist. Und Häufigkeit sagt im übrigen auch noch nichts über die Qualität des Sexlebens einer Person aus. Wie oft Sie mit Ihrem Partner schlafen, sagt nichts darüber aus, wie leidenschaftlich, nah, geborgen oder in Ekstase sie sich fühlen. Es sagt nichts darüber aus, wie sehr Sie Ihren Partner in dem Moment begehren, wie lustvoll, sinnlich und liebevoll Sie miteinander umgehen.

In den ersten Wochen und Monaten nach dem Kennenlernen haben die meisten Pärchen sehr häufig Sex. Verlangen und Begehren scheinen unstillbar und viele frisch verliebte Paare würden am liebsten Tage miteinander im Bett verbringen. Das ist biologisch gesehen auch durchaus sinnvoll: Beim Sex wird der Körper mit Dopamin versorgt. Dopamin begünstigt Verliebtheit und erhöht das Sexualhormon Testosteron im Körper. Die erhöhte Dopaminkonzentration setzt gleichzeitig das Kuschelhormon Oxytocin frei. Oxytocin schafft Nähe und Vertrauen. Der häufige Sex in der Verliebtheitsphase dient also unter anderem dazu, Bindung zwischen den Partnern herzustellen.
Sex nimmt ab, wenn die Beziehung längere Jahre besteht. Wir tauschen den Zauber des Anfangs, Aufregung, Ekstase, Spannung, gegen Nähe, Sicherheit, Intimität und Bindung ein. Die Eigenschaften des anfänglichen Sex haben also nicht mehr viel mit denen einer längeren Beziehung zu tun. Die Leidenschaft am Anfang einer Beziehung ist gekennzeichnet durch Unkontrollierbarkeit, Geheimnis, Unsicherheit und Sorglosigkeit. Lange Partnerschaften hingegen beruhen auf Nähe, Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Rücksicht und Sorge. Auch hier reguliert die Natur recht sinnvoll: Wären wir ewig verliebt, so würden wir das Schlafzimmer nicht mehr verlassen und könnten einer Menge anderer Anforderungen des Lebens nicht begegnen. Die gute Nachricht: Paare, die wenig(er) miteinander schlafen, gelten als sicher an den Partner gebunden.

Gut ein Drittel der Paare in Deutschland beklagen zumindest phasenweise sexuelle Unlust. Dabei reicht es auch, wenn einer der Partner „keine Lust“ hat, denn meistens kommt es dann nicht zum Beischlaf. Es muss aber nicht immer Sex sein, eine Umarmung kann manchmal wohltuender sein, als ein Marathon der Leidenschaft im Schlafzimmer. Fehlende Lust sollte aber nicht zum Dauerzustand werden.
Was können Paare tun, wenn sich die Lustlosigkeit ins Schlafzimmer eingeschlichen hat? Wie wird aus Lustlosigkeit wieder Leidenschaft?
Äußere Faktoren spielen bei Flauten im Schlafzimmer eine Rolle: Die Anforderungen des Alltags lassen unsere Lust oft auf der Strecke, beruflicher Stress, Kindererziehung, Doppelbelastungen tragen zur lustfreien Zeit bei.

 Fehlende sexuelle Lust kann körperliche und auch psychische Ursachen haben.

Stress ist Lustkiller Nummer 1. Achten Sie darauf, dass Stress und Überbelastung keine Überhand gewinnen, sondern gelegentliche Phasen bleiben. Genauso können körperliche Ursachen Gründe sein: Hormonelles Ungleichgewicht, die „falsche“ Pille, Nebenwirkungen bei der Einnahme von Medikamenten bei Depressionen, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Arthritis, sowie Diabetes können die Libido negativ beeinflussen. Lassen Sie sich ärztlich durchchecken, wenn der Verdacht naheliegt, die Lustlosigkeit könnte damit in Zusammenhang stehen.

Einer der größten Trugschlüsse überhaupt ist, dass die Lust spontan wiederkommt, wenn sie sich erst einmal Urlaub aus den ehelichen Gemächern genommen hat. Sie können lange warten. Sie wird nicht von alleine wiederkommen. Es mag nicht den romantischen Vorstellungen entsprechen, aber der Wunsch nach Sex muss nicht zwingend der Handlung vorausgehen. Was heißt das konkret? Wenn Spontaneität das Kriterium für das Stattfinden von Beischlaf wird, so wird die Lust mit großer Wahrscheinlichkeit vom Urlaub in den Ruhestand befördert. Daher mein Tipp: Verabreden Sie sich zum Sex!

Nach Flauten im Bett kommt die Lust nie von alleine wieder. Werden Sie proaktiv im Schlafzimmer!

Schaffen Sie sich Zeitinseln für sich und sei es nur eine Viertelstunde. Schlafen Sie miteinander, auch wenn Sie keine Lust haben. Tun Sie es einfach. Wiederholen Sie dieses Ritual über einen Monat. Notieren Sie es ruhig in Ihrem Terminkalender als Pflicht. So wie ein berufliches Meeting oder einen lästigen Elternabend ein Pflichttermin ist. Genauso wie das Leben nicht nur aus der Kür, sondern ebenso aus Pflichten besteht, so ist es beim Sex auch. Ein Hobby, das Sie lange Zeit vernachlässigt haben, müssen Sie erst wieder üben, bevor es richtig Spaß macht. Sie werden aber merken: Je mehr Sex Sie haben, desto mehr werden Sie ihn auch wollen (U. Clement).

Der sexuelle Trieb und die sexuellen Vorlieben des Einzelnen sind genauso unterschiedlich und einzigartig, wie jeder Mensch es ist. Am Anfang einer Partnerschaft entscheiden die Partner, welche sexuellen Praktiken in Ihrem Schlafzimmer Einzug erhalten und welche nicht. Über Zeit entwickelt sich daraus ein sexuelles Sortiment – größtenteils wird nur das praktiziert, was beide möchten. Die Sexualität eines Paares besteht also aus der Schnittmenge. Egal wie ausgefallen die Praktiken auch sein mögen – nach einer gewissen Zeit werden sie langweilig. Mit der Langweile schwindet auch automatisch die Lust. Es lohnt sich dann, einen Blick darauf zu werfen, was nicht der sexuellen Schnittmenge des Paares entspricht, und wegzugehen vom kleinsten gemeinsamen Nenner.

 Entdecken Sie Ihre Sexualität als Paar jenseits der gemeinsamen sexuellen Schnittmenge.

Was es dort zu entdecken gibt, kann unter Umständen verstörend sein, es bietet aber auch die Chance, sich als Paar sexuell weiterzuentwickeln und neue Leidenschaft füreinander zu entwickeln. Machen Sie sich frei von sexuellen Vorlieben, von denen Sie denken, sie kämen beim Partner an. Sprechen Sie über Ihre Phantasien und Sehnsüchte, die Ihr Schlafzimmer nicht kennt und versuchen Sie, einen spielerischen Umgang damit zu finden. Fangen Sie mit kleinen Schritten an. Freuen Sie sich über die Offenheit Ihres Partners und halten Sie Urteile und Bewertungen zurück. Haben Sie Mut, aneinander zu wachsen, und Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit Sex haben, den Sie vorher nicht kannten. Er wird auch erfüllender und intimer sein (D. Schnarch, U. Clement).

 

2 Idee über “Wieviel Sex ist normal? Und was können wir gegen sexuelle Unlust tun?

  1. Dennis sagt:

    ich hab in den letzten jahren viele solche artikel gelesen und muss leider immer wieder feststellen, dass ich „uns“ und manchen berreichen wiederfinde aber in meisten anderen überhaupt nicht. manchmal wirkt es, als beschreiben die kurzen worte, die ein durchschnittlicher artikel fasst, nur die üblichsten und typischen fälle, von denen ich das gefühl habe, dass sie auf unseren fall zu 80% nicht zutreffen, was natürlich sehr schade ist, weil es einem das gefühl gibt das: A: nur bei den genannten situation etwas zu machen ist und B: unser problem in dieser form so speziell ist, dass es nicht mit einer „allgemeinen therapie des typs B zu behandeln ist, sondern eine individuelle brauche, deren erfolg nur schwer zu bemessen ist.
    zb wird hier erwähnt das man sich mal aus der kleisten schnittmenge befreien soll und neue dinge ausprobieren… was aber wenn für den partner aufgrund von tabus und abneigungen oder ekel nichts ausser dem, was bisher geschehen ist, in frage kommt? was wenn die auslösenden probleme des libido verlust eine kombination aus mehreren faktoren ist, die jeweils für sich, schon enorme baustellen sind, die lange zeit brauchen bis sie sich regeln und alle zu lösen, in einer absehbaren zeit ein eher unrealistisches unterfangen ist? was wenn medikamente notwendig sind, die keine ausweichmöglichkeit oder alternative haben, die die libido vernichten?
    ich habe immer wieder gelesen, dass wenn beide daran arbeiten wollen, für jedes problem eine lösung zu erreichen ist, glaube aber durch die sich wiederholenden wortwahlen und beispiele langsam immer mehr, dass es durchaus sein kann, dass es fälle gibt, in denen das nicht der fall ist und darüber einfach nur nicht geschrieben wird, weil es nicht schön zu lesen und „schlechte PR“ ist.

    • Juliette Boisson sagt:

      Lieber Denis,
      vielen Dank für Ihren langen Kommentar. Ich verstehe ihren Einwand und das Gefühl oder die Vermutung, dass Ihre Situation so speziell ist, dass eine Therapie nicht helfen könnte. Ich versuche die Blogartikel so zu schreiben, dass sich möglichst viele Leser damit identifizieren können und vielleicht, so hoffe ich einen Mehrwert sehen.
      Im Unterschied zu einem Blog ist eine Therapie immer individuell und keine gleicht der anderen. Zu Anfangs werden Therapieziele festgelegt, was den Erfolg durchaus messbar macht, auch wenn Therapie an sich viele schwammige Elemente enthält. Es kann durchaus auch sein, dass es Baustellen gibt, die, wie Sie schreiben, nicht lösbar sind. Dann ist die Therapiearbeit eine andere: Wie wollen wir mit nicht lösbaren Problemen umgehen und was können wir tun um Frieden und Akzeptanz für die Situation zu finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.