Hochzeit auf den ersten Blick! Sozialexperiment auf SAT1 stellt die Frage, ob man Liebe lernen kann

wedding-cake-407170_1280SAT1 hat in der vergangenen Woche die erste Folge von „Hochzeit auf den ersten Blick“ ausgestrahlt. Es handelt sich, so SAT1, um ein Sozialexperiment. Fünf Singles, die sich vorher noch nie gesehen haben, wurden von einer Expertenrunde anhand verschiedener Kriterien gematcht. Sie treffen zum ersten Mal vor dem Traualtar aufeinander. Sie heiraten (in echt!) und werden nun von einem Expertenteam, das ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht, die nächsten Wochen mit der Kamera begleitet. Am Ende der Staffel können die gematchten Paare entscheiden, ob sie zusammen bleiben möchten oder die Scheidung einreichen. Das Format hat schon allerlei Kritik und Polemiken im Netz hervorgerufen.

In der westlichen Welt landet im Schnitt jede dritte Ehe vor dem Scheidungsrichter. Die Gründe hierfür sind vielschichtig… und könnten sicherlich ganze Archive füllen… Allerdings ist es in der westlichen Welt auch üblich, aus Liebe zu heiraten. Der Verdacht liegt nahe, dass auf dem Weg zum Scheidungsrichter auch irgendetwas mit der Liebe passiert, die nicht mehr unseren Vorstellungen von Romantik entsprechen. Wenn jede dritte Ehe vor dem Scheidungsrichter endet, ist es dann nicht legitim, sich nach anderen Modellen für eine Partnerschaft umzusehen?

Ist es nicht legitim, sich nach anderen Modellen für eine Partnerschaft umzusehen, wenn jede dritte Ehe scheitert?

Romantische Liebe, so schön sie ist, ist ein Konstrukt, welches sich Ende des 18. Jahrhunderts auf dem europäischen Kontinent etabliert hat. Schon als Kleinkinder vermitteln uns Disneyfilme, dass der Prinz auf dem weißen Pferd uns erlöst und wir glücklich bis ans Lebensende sein werden. Das ist zugegebenermaßen eine schöne Vorstellung, und Liebe ist auch etwas ganz Tolles und sollte auch jedem vergönnt sein. Die romantische Vorstellung von Liebe kann uns aber auf der Partnersuche vielleicht auch einschränken? Was also spricht dagegen, den Gaul von hinten aufzusatteln? Vielleicht wird er zum weißen Schimmel?

Was sagt es über die Qualität einer Beziehung aus, wenn die großen Gefühle sich „erst“ im Laufe der Partnerschaft entwickeln? Wenn sie phasenweise mal stärker, mal schwächer, mal mehr vom einen, mal mehr vom anderen kommen? Die Kandidaten von „Hochzeit auf den ersten Blick“ verdienen für den Mut, sich neue Optionen, die nicht dem Ideal des romantischen Prinzenpaares entsprechen, Anerkennung. Der Mensch ist ein soziales Wesen und keine Insel. Wenn sich Menschen nach Zweisamkeit und Partnerschaft sehnen, warum gilt dann Romantik als einzige zulässige Voraussetzung für eine erfolgreiche Paarung?

Zwei indische Wissenschaftler, Gupta Usha und Singh Pushpa, haben in den 80er Jahren untersucht, wie glücklich arrangierte Ehen im Vergleich zu Liebesheiraten sind. Ich möchte hier keinesfalls arrangierte Ehen propagieren, aber die beiden Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass in arrangierten Ehen die Liebe zu Anfangs eher gering ist, nimmt aber im Laufe der Zeit zu. In romantischen Ehen verhält es sich genau umgekehrt. Nach fünf Jahren allerdings überholt die Liebe in arrangierten Ehen die der romantischen Ehen.

Nach fünf Jahren überholt die Liebe in arrangierten Ehen die der romantischen Ehen. 

Die Studie sagt zwar nichts über die Scheidungsrate aus, und sicherlich erschweren gesellschaftliche Zwänge in Ländern wie Indien Trennungen. Die Untersuchung kann aber dennoch ein Hinweis dafür sein, dass andere Modelle von Partnerschaften auch funktionieren können.

Der Redakteur und Psychologe der amerikanischen Zeitschrift „Psychology Today“, Robert Epstein, hat einen ganz ähnlichen Selbstversuch wie die Singles aus „Hochzeit auf den ersten Blick“ gestartet. Sein Fazit: Liebe kann man lernen. Die besten Voraussetzungen dafür sind dann gegeben, wenn wir uns einen Partner suchen, dessen Werte, Interessen und Ziele weitestgehend mit den eigenen übereinstimmen. Den „Funken“, so Epstein weiter, kann man sich selber erschaffen, und anders als in der romantischen Liebe, wo er nach und nach verblasst, auch besser kontrollieren.

Was denken Sie? Wird es den Paaren aus „Hochzeit auf dem ersten Blick“ gelingen, Ihren Funken füreinander zu erschaffen? Oder werden die Ehen am Ende wieder geschieden? Spannend wird es allemal!

Quelle: Gupta, Usha; Singh, Pushpa. An exploratory study of love and liking and type of marriages. Indian Journal of Applied Psychology, Vol 19(2), Jul 1982, 92-97.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Paare. Setzte ein Lesezeichen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.